Damiano Michieletto, «La clemenza di Tito» wird im Vergleich zu Mozarts «Die Zauberflöte», die zeitgleich entstanden ist, seltener gespielt. Bis heute hält sich das Vorurteil, die «Clemenza»-Figuren seien wegen Mozarts Rückgriff auf die Opera seria eindimensional gezeichnet, die Handlung konfliktarm. Ist da etwas dran?
Überhaupt nicht. Dieser Blick ist schon allein deshalb falsch, weil «La clemenza di Tito» auf der römischen Historie basiert. Und die ist bekanntlich voller Konflikte – sowohl politischer als auch privater Natur. Mozarts Charaktere sind, wie könnte es anders sein in der vorletzten Oper von Mozart, alles andere als eindimensionale Opera-seria-Figuren, sondern echte Menschen. Es geht vielleicht nicht um die grossen Effekte, dafür aber um intensive innere Prozesse. Mozart behandelt die Form der Opera seria vollkommen frei und unkonventionell. Und auch wenn die Oper auf einem fast 40 Jahre alten Libretto von Metastasio basiert, das zur Zeit Mozarts bereits x-mal vertont wurde, hat der von Mozart und seinem Librettisten Caterino Mazzolà umgearbeitete Text die dramatischen Qualitäten eines Theaterstücks.
Im Zentrum der Oper steht der Herrscher Tito, gegen den ein Komplott geschmiedet wird, in das auch sein bester Freund involviert ist. Tito schwankt, doch am Ende verzeiht er allen. Ist «La clemenza di Tito» ein politisches Werk?
Für mich ist diese Oper vor allem eine Geschichte über Beziehungen und darüber, wie Menschen sich gegenseitig beeinflussen und benutzen. Alles hängt miteinander zusammen. Derjenige, der Macht ausübt, ist genauso abhängig von dem, auf den Macht ausgeübt wird. Die Figuren sind verbunden durch ein Netz von Loyalität, Freundschaft und Verrat. Man kann diese Oper auf verschiedene Arten inszenieren – in einer eher symbolischen Lesart oder sich auf die Figuren konzentrieren. Ich persönlich bevorzuge einen psychologischen Ansatz: Mich interessieren die inneren Konflikte und die emotionalen Hintergründe der Figuren. Die Handlung lässt sich problemlos in die Gegenwart übertragen. Es geht um Gefühle und tief menschliche Erfahrungen. Bereits in der ersten Szene wird man mit Vitellia und Sesto in eine intensive, hochemotional aufgeladene Situation hineingeworfen: ein Paar, das sich streitet.
Die Oper beginnt sogar mit einem Ereignis, das noch vor der eigentlichen Handlung stattgefunden hat. Vitellia behauptet, dass man ihr den Thron geraubt habe...
Diese Geschichte steht in einer langen Tradition politischer Gewalt. Vitellius, der Vater von Vitellia, war einer der vier Kaiser des sogenannten «Vierkaiserjahres». Gegen ihn erhob sich Widerstand, Titos Vater und Tito selbst waren darin involviert. Vitellius wurde gefoltert, öffentlich gedemütigt und brutal getötet, genau wie Julius Cäsar, als er auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Das alles führt zu einer Welt, in der Vertrauen kaum möglich ist, in eine Atmosphäre permanenter Alarmbereitschaft. Für Vitellia muss der demütigende Tod des Vaters eine traumatische Erfahrung gewesen sein. Vitellia ist getrieben von ihrem Schmerz, den sie nach aussen projiziert. Sie will Rache und will den Thron, der ihr ihrer Meinung nach zusteht. Andererseits wird angedeutet, dass zwischen ihr und Tito etwas war, oder zumindest schwebte diese Möglichkeit im Raum. Tito hat sich jedoch mit Berenice für eine andere Frau entschieden, die er aufgrund des politischen Drucks wieder verliess – das aber weiss Vitellia zunächst nicht. Sie ist wie ein verletztes Raubtier, ihre Eifersucht und ihr Machtstreben ein explosiver Cocktail.
Vitellia agiert nicht alleine. Sie hat eine Beziehung mit Sesto, einem rätselhaften, in sich gekehrten Charakter. Wie stehen die beiden zueinander?
Vitellia manipuliert Sesto, der ihr völlig hörig ist. Sie weiss, dass er Tito und damit der Macht sehr nah steht und nutzt das gezielt aus. Solche Dynamiken kennt man auch aus der Realität: Menschen in Machtpositionen werden ja nicht selten von Akteuren im Hintergrund beeinflusst. Die Beziehung zwischen Vitellia und Sesto ist, modern gesprochen, zutiefst toxisch. Man könnte fast von einer Konstellation aus narzisstischer und co-narzisstischer Abhängigkeit sprechen. Aus dieser schwierigen Beziehung heraus resultieren sämtliche Ereignisse der Handlung. Vitellia bringt Sesto dazu, zum Attentäter an seinem Freund und Wohltäter Tito zu werden. Man kann beobachten, wie Sesto in seiner Abhängigkeit zu Vitellia zunehmend seine Identität und sein Selbstvertrauen verliert. Irgendwann ist er sogar bereit, für sie zu sterben, um sie nicht zu verraten. Damit ist ein menschlicher Tiefpunkt in dieser Oper erreicht.
Das erinnert an eine ähnlich tragische Situation in Mozarts früherer Opera seria «Idomeneo»: Dort ist Idamante an einem bestimmten Punkt bereit, für seinen Vater in den Tod zu gehen. Im letzten Moment greift eine unbekannte Stimme von aussen ein und eröffnet allen einen Ausweg. In «La Clemenza» hingegen wird die Situation von Vitellia schliesslich selbst aufgelöst. Sie gesteht Tito, dass sie hinter dem Mordkomplott steht. Wie bewertest du ihr Einschreiten?
Vitellia handelt hier wirklich aus eigener Einsicht. Dass Sesto für sie bereit ist, die Todesstrafe auf sich zu nehmen, ohne sie verraten zu haben, berührt sie offensichtlich zutiefst. Zum ersten Mal benutzt sie explizit das Wort «Liebe». Vitellia geht hart mit sich selbst ins Gericht und erkennt, dass sie nach Sestos Tod Schuld empfinden würde und mit dieser Schuld nicht leben könnte. Ihr Handeln ist erstaunlich, denn zu diesem Zeitpunkt hat sie eigentlich alles erreicht: Sie wird die Frau des Herrschers und hätte Macht, Status und Sicherheit. Niemand würde ihre Schuld aufdecken. Gerade deshalb ist ihr Geständnis Tito gegenüber so bedeutend. Vielleicht ist das ihre Art der «Clemenza». Wir wissen nicht genau, was passiert wäre, hätte sich Vitellia nicht als Drahtzieherin zu erkennen gegeben. Vielleicht hätte Tito Sesto vergeben, vielleicht auch nicht. Vitellia übernimmt Verantwortung, auch wenn sie weiss, dass sie dadurch alles verliert.
Eine ganz andere Beziehung als Vitellia und Sesto führen Annio – ein Freund Sestos – und Sestos Schwester Servilia. Das zeigen allein schon ihre Duette und Arien, die zwar immer sehr kurz sind, aber unendlich zart und anrührend klingen.
Annio und Servilia sind die helle Farbe, die Insel in diesem Stück, sie sind zutiefst ehrlich, ganz bei sich und ihrer Liebe. Servilia ist sogar so selbstbewusst und ihre Liebe zu Annio so stark, dass sie sich dem Kaiser Tito widersetzt, als dieser sie zu seiner Frau nehmen möchte. Tito wird nicht wütend auf sie, sondern ist ihr dankbar dafür, endlich einen ehrlichen Menschen in seinem Umfeld anzutreffen. Servilia ist es auch, die Vitellia als einzige den Spiegel vorhält. Sie sagt Vitellia ganz direkt, dass es auch eine Form der Grausamkeit darstellen kann, in Bezug auf Sestos Todesurteil nicht zu handeln.
Tito wird von Sesto als fürsorglicher Herrscher beschrieben. Tito selbst inszeniert sich als Führungspersönlichkeit, die lieber Geld für die notleidende Bevölkerung spendet, als ein von Steuern finanziertes Denkmal für sich zu errichten. Seine Herrschaft soll nicht grausam sein und nicht auf Angst gründen. Heute, im Zeitalter einer neuen Härte, möchte man das doch auch den aktuellen Machthabern entgegenschleudern: Seid milde, gütig und grosszügig zueinander!
Das ist ohne Frage der Appell, den dieses Stück an uns richtet, die Utopie, wenn man so will. Doch wie wir aus der Realpolitik wissen, kann selbst das Bemühen, immer das Richtige tun zu wollen, human und grosszügig zu sein, zuweilen zu Problemen führen. Es ist möglich, dass Entscheidungen kurzfristig gut, doch langfristig falsch sind und umgekehrt. Tito möchte den Menschen gefallen – er war derjenige, der das Kolosseum zur Unterhaltung des Volkes bauen liess. Er möchte die Dinge ruhig halten und Konflikte vermeiden. Titos vielgepriesene Milde kann auch eine Strategie, politisches Kalkül sein. Die Personen in seinem Umfeld können nie sicher sein, ob er wirklich konsequent milde regiert oder diese Milde nur situativ einsetzt, denn Milde bedeutet im Kontext dieser Oper, jemandem zu verzeihen, obwohl das Gesetz etwas anderes vorschreibt wie ein Todesurteil. Publio aus Titos engstem Umfeld deutet seinen Regierungsstil jedenfalls zunehmend als Schwäche, die Rom Zerstörung bringt. Man muss sich zudem fragen: Wie kommt jemand zu einer Machtposition? Ist es überhaupt möglich, ohne Schuld zu regieren? Der historische Tito jedenfalls hat Blut an den Händen, durch die Ermordung von Vitellias Vater oder als Oberbefehlshaber im Jüdischen Krieg, den er vor seiner Regierungszeit geführt hat.
Tito handelte auch gegen das eigene Herz, indem er sich von seiner eigentlichen Liebe, Berenice, getrennt hat. Er unterwirft sich damit dem Senat Roms, der keine Ausländerin duldet. Was macht das mit Tito?
Er wollte diese Frau wirklich haben, er hat sie nach Rom gebracht, wollte sie heiraten. Er musste damit abschliessen, um die Erwartungen der Menschen an ihn als Herrscher zu erfüllen. Ob Tito nun Servilia oder Vitellia heiratet, macht für ihn keinen Unterschied mehr, denn es geht nicht mehr um Liebe. Innerlich ist er sicher zutiefst zerrüttet. Tito lebt in einer unentwegten Spannung zwischen seiner öffentlichen Rolle, die er als grosse Last empfindet, und seinen privaten Emotionen. Tito versucht, anstelle der Liebe das Konzept der Freundschaft zu setzen. Doch für eine Führungsperson ist das nie unproblematisch. Es macht ihn verwundbar – umso mehr, als ihn sein engster Freund, zu dem er wirklich so etwas wie Liebe empfand, verrät und Tito lange nicht weiss, warum. Dementsprechend hadert er mit seinem Urteil Sesto gegenüber. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Stimme seines Herzens und der Stimme, die ihm seine offizielle Position als Herrscher eingibt. Tito ist sehr einsam.
Wo stehen die Figuren am Ende der Oper?
Das Resultat ist ernüchternd. Sämtliche Figuren sind an den Abgrund ihrer selbst geraten. Nichts von dem, was sie begehrt haben, hat sich eingelöst. Titos Vergebung mag das Schlimmste verhindert haben, aber ein ungebrochenes Happy End gibt es nicht. Sesto wird sein Leben lang Schuldgefühle gegenüber Tito haben, und ich bezweifle, ob es zwischen Sesto und Vitellia je so etwas wie echte Liebe geben kann. Tito, der von seinem besten Freund verraten wurde, wird misstrauischer werden – wem könnte er jetzt noch glauben?
Das Gespräch führte Kathrin Brunner