Dirigent Florian Helgath über die Johannes-Passion
Florian Helgath, im Unterschied zur Matthäus-Passion existieren von der Johannes-Passion mehrere Fassungen. Was sagt das über das Werk und Bachs Arbeitsweise aus?
Wenn man über Bachs Arbeitsweise spricht – also darüber, wie er mit der Johannes- und der Matthäus-Passion umgeht –, sollte man vor allem den Zeitpunkt ihrer Entstehung berücksichtigen. Die Johannes-Passion entstand deutlich früher, die Matthäus-Passion später, also in einer reiferen Schaffensphase. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Bach an der Matthäus-Passion nichts mehr verändert hat: Es existiert eine einzige Fassung, die er geschrieben hat und die so Bestand hatte. Bei der Johannes-Passion war er dagegen wesentlich flexibler. Er hat selbst mehrere Fassungen geschaffen, was zum einen dem liturgischen Gebrauch geschuldet war, zum anderen auch den jeweiligen personellen Gegebenheiten, der Musikerbesetzung vor Ort. In der Matthäus-Passion spürt man deutlich die Reife seines späteren Schaffens, gewissermaßen den Blick eines Komponisten gegen Ende seines Lebens.
Die Johannes-Passion gilt als besonders dramatisch. Wie blicken Sie auf den Charakter des Werkes?
Dieses jugendliche, frischere Element, das die Johannes-Passion im Vergleich zur Matthäus-Passion aufweist, spiegelt sich auch in ihrer Kurzweiligkeit. Sie ist weniger meditativ und kontemplativ, geht direkter zur Sache und ist deutlich opernhafter gedacht – der Ausdruck steht stärker im Vordergrund. Schaut man sich etwa die Jesuspartien an, zeigen sich große Unterschiede: Sie wirken unmittelbarer, nahbarer, menschlicher. Für mich sind genau diese Direktheit und dieses Dramatische für die Johannes-Passion ganz entscheidend. Die besondere expressive Kraft liegt aber auch in den starken Kontrasten. Auf engem Raum – die Johannes-Passion ist ja deutlich kürzer als die Matthäus-Passion – treffen sehr unterschiedliche Ausdrucksebenen aufeinander: von betrachtenden, lieblichen, mitleidigen Momenten bis hin zu den hochdramatischen Turbachören, in denen Jesus angefeindet wird.
Seit 2017 leiten Sie die Zürcher Sing-Akademie. Wie hat sich der Klang des Chores in dieser Zeit entwickelt? Welches Ideal haben Sie verfolgt?
Die Entwicklung des Klangs der Zürcher Sing-Akademie zu beschreiben, ist keine ganz einfache Frage. Wir haben gemeinsam einen langen Weg zurückgelegt, auf dem wir unseren Klang gefunden haben – und ich sage bewusst «unseren» und nicht «meinen». Wenn ich an einen idealen Chorklang denke, schwebt mir eine Balance vor: ein Klang, der in seiner Homogenität geschlossen ist, zugleich aber persönliche Individualität zulässt, vielleicht sogar etwas Solistisches bewahrt. Farben, Facetten und Individualität – und dennoch ein Verschmelzen zu einer gemeinsamen klanglichen Einheit.
Welche Rolle spielt Bachs Musik im Entwicklungsprozess des Chores?
Bach spielt dabei natürlich eine Rolle – eine von vielen. Für einen professionellen Chor ist das Singen von Bach eine Art Essenz: Es bringt die Dinge kompromisslos auf den Punkt. Diese Musik ist pur, sie tut gut, sie wirkt beinahe reinigend. Es gibt nichts hinzuzufügen, man muss sich ganz auf das Wesentliche konzentrieren – und dieses Wesentliche ist das Meisterwerk selbst. Das geschieht über die Sprache und über einen Klang, der manchmal sehr besonders, manchmal aber auch bewusst schlicht ist. Man darf kein großes Vibrato einsetzen oder zu viel Stimme geben, gleichzeitig darf der Klang aber auch nicht farblos werden. Diese feine Dosierung zu finden, Bachs Umgang mit Sprache zu verstehen und diese Essenz aus dem Chorklang herauszuarbeiten, halte ich für absolut zentral. Eine solche Arbeit prägt nicht nur den Umgang mit Bach, sondern beeinflusst auch das Musizieren anderer Epochen nachhaltig.