Für die neue «Elektra» arbeitet Regisseurin Lydia Steier mit dem Künstler Boris Eldagsen zusammen, der sich mit KI-generierten Bildern und Videos beschäftigt. Im Gespräch erzählt er unter anderem, wie Erinnerung und KI zusammenhängen und wie das Videomaterial für «Elektra» entstanden ist.
Boris, als Künstler hast du viel mit Fotografie gearbeitet. Heute gehörst du zu den wichtigen Stimmen in der Diskussion über Fotografie und Künstliche Intelligenz (KI). Wie bist du zur KI gekommen?
An der Fotografie hatte mich vor allem das Inszenieren interessiert, das Zusammenbauen von Bildern. Schon mit 17 bin ich mit Freunden auf Burgen und in Ruinen gezogen und habe Szenen gestellt. Da war von Anfang an ein theatralisches Element dabei. Später kamen Ideen hinzu, die einen zeitlichen Ablauf brauchten, und so kam ich zum Video. Der Materialaufwand war enorm, ihr kennt das vom Theater: Requisiten, Orte, Licht ... Die KI war für mich wie eine Befreiung. Plötzlich spielt es keine Rolle mehr, ob ich ein Budget habe, ob es regnet oder früh dunkel wird. Alles, was ich mir vorstellen kann, kann ich umsetzen.
Entsteht mit der KI eine neue Kunstform?
Nein. Denn alles, was ich generieren kann, sind digitale Formate, die bereits im Trainingsmaterial drinstecken. Die KI ist ein Werkzeug, bei dem entscheidend ist, wie gut man es versteht und welche kreative Rolle man dabei einnimmt. Das Problem ist, dass die Entwicklung nahezu ausschliesslich von den Vereinigten Staaten und China vorangetrieben wird und somit verbunden ist mit entsprechenden Machtinteressen. Dabei gäbe es so viele Themen, über die man auch gesellschaftlich reden müsste, etwa darüber, was wir durch KI verlernen, über Probleme der Ressourcen und des Copyrights. Stattdessen dreht sich alles immer nur um ein apokalyptisches Science-Fiction-Szenario. Um auf die Kunst zurückzukommen: Die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI ist ein weites Feld. Man kann für jeden Arbeitsschritt neu entscheiden, wer führt. Ich jedenfalls behalte die Entscheidungen bei mir. Als Künstler brauche ich den Prozess, erst darin schärft sich die Idee. Wenn ich das auslagere, entscheidet die KI immer für den Mittelwert. Ich entscheide anders.
Und trotzdem lässt du dich auf eine gewisse Aleatorik, den Zufall, ein.
Das ist ja nicht neu. Maler:innen haben mit geschlossenen Augen Kleckse auf die Leinwand gesetzt, Schriftsteller:innen haben Wörter ausgewürfelt. Auch beim Fotografieren hatte ich immer ein Zufallselement: eine Idee, ein Modell, eine Requisite, einen Ort, und dann einfach schauen, was passiert. Die besten künstlerischen Ergebnisse bekommt man, wenn man dem Prozess vertraut. Da sehe ich keinen strukturellen Unterschied zur Arbeit mit KI.
Eine deiner bekanntesten Serien trägt den Titel «Pseudomnesia», falsche Erinnerung. Wie kam es dazu?
Mich beschäftigt seit rund 15 Jahren, inwieweit unser Handeln, Denken und Fühlen vom Unbewussten getragen wird. Darunter lässt sich auch die Erinnerung fassen: Was davon haben wir selbst fabriziert, was sind Fakten? Mein Einstieg in die KI war ein Projekt, das lange in der Schublade lag. Mein Vater, Jahrgang 1924, kam sehr jung in den Zweiten Weltkrieg und hat nie darüber gesprochen. Am Ende seines Lebens hatte er traumatische Flashbacks, heute würde man von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen. Nach seinem Tod fanden wir Kinderbilder von ihm, die wir nicht kannten. Ich begann, auf Berliner Flohmärkten Fotos der 1930er- und 40er-Jahre aus aufgelösten Nachlässen zu sammeln, packte sie 2008 in eine Kiste und entdeckte sie Jahre später durch Zufall wieder. Mit Fördermitteln habe ich dann für rund 8000 Euro Bilder aus dieser Zeit gekauft. Manche Motive, die ich haben wollte, waren nicht zu bekommen, also begann ich, mit KI zu ergänzen. «The Electrician» hat diesen Look der 1940er-Jahre. Kaum jemand macht das mit KI, die meisten hauen jede knallige Bonbonfarbe rein, die es gibt. Ich bin bei Schwarz-Weiss geblieben, ich wollte immer zurück zu meinen Wurzeln. Lydia Steier hat diese ersten schwarz-weissen KI-Videos gesehen, sie mochte sie und hat mich angesprochen.
Die Titelheldin in Richard Strauss’ «Elektra» lebt in der Erinnerung an den Mord an ihrem Vater Agamemnon. In der Inszenierung von Lydia Steier wird die Vergangenheit der Figuren zum künstlerischen Mittel. Wie sieht das konkret aus?
Jeder im Saal weiss: Ich sitze in der Oper. Doch irgendwann vergisst man, dass alles fabriziert ist, und ist mittendrin. Das Bühnenbild von Paul Zoller lehnt sich an die 1930er-Jahre an. Lydias Idee war, einen Geburtstagsfilm von Elektra als Zehnjährige laufen zu lassen, den sich Elektra als Frau in ihren späten Vierzigern anschaut, gefangen in einer Erinnerungsschleife. Dieser Film beginnt sich fliessend zu verwandeln und bringt seltsame, surreale Szenen hervor, die Elektras Psyche abbilden. Die KI erlaubt uns, die realen Sängerinnen und Sänger in diesem Film, der nie gedreht wurde, erscheinen zu lassen, und sogar als Kinder. Natürlich haben wir im Vorfeld mit allen kommuniziert und uns die Erlaubnis geben lassen.
Wie bist du dabei vorgegangen?
Ich habe von allen Beteiligten Kinder- und Erwachsenenfotos als Referenzmaterial bekommen, dazu die Kostümfigurinen von Gianluca Falaschi sowie Angaben zum gewünschten Alter der Figuren. Daraus baute ich für jede Person ein sogenanntes Character Sheet: Agamemnon etwa von Kopf bis Fuss, im Porträt und mit Details. So ist gewährleistet, dass er in allen Videos gleich aussieht. Das Bühnenbild habe ich in etwas Filmisches übersetzt. Die grösste Herausforderung ist der 8-mm-Vintage-Look, den sich Lydia gewünscht hat. Daran arbeiten wir schon seit einiger Zeit. Wir haben eine Liste mit hundert Ideen erstellt, was alles auf dieser Geburtstagsparty geschehen könnte. Lydia hat eine Auswahl gemacht, und am Ende bleibt, was visuell am stärksten ist. Das Aufbereiten der Materialien macht etwa 40 Prozent der Arbeit aus. Es soll auch eine Szene auf der Bühne geben, in der Klytämnestra den Projektor bedient und das Bild des Films dabei verwackelt. Das ist sehr knifflig...
Bei einem Treffen vor einem Jahr hast du gesagt, dass es für dich besser sei, so spät wie möglich mit dieser Arbeit zu beginnen, weil sich diese Technik so stark verändert.
Das ist nach wie vor der Fall. Ich mache seit Jahren nichts anderes, als mich up to date zu halten und verwende auch jetzt die neuesten Modelle. Mittlerweile haben die chinesischen die amerikanischen eindeutig überholt. Ich arbeite mit den drei leistungsfähigsten derzeit. Wenn ich ein Motiv mit einem bestimmten Modell nicht hinbekomme, nutze ich ein anderes.
Strauss’ Textdichter Hugo von Hofmannsthal schrieb «Elektra» in unmittelbarer Nähe zur Psychoanalyse. Könnte man auch die KI als eine Art Traumarchiv für verdrängte Bilder verstehen?
Das ist für mich das Faszinierende an der Arbeit mit KI. Ich sehe den sogenannten «Latent Space», den Möglichkeitsraum, aus dem die KI-Modelle ihre Bilder schöpfen, als das, was C. G. Jung das kollektive Unbewusste genannt hat. Ich bin ein grosser Bewunderer der Art, wie er Psychologie und Kunst verbunden hat, und freue mich, in Zürich endlich das Jung-Haus zu besuchen! Als es so richtig mit der KI losging, waren die generierten Bilder nicht so hübsch wie heute. Es gab viele Fehler und Mutationen, alles war grotesk, teilweise verzerrt. Da hatte man wirklich das Gefühl, das unterdrückte Unbewusste breche sich Bahn. Das vermisse ich heute. Man kann diese «Fehler» zwar immer noch herauskitzeln, aber die Unternehmen wollen das nicht. Sie haben diese Unzulänglichkeiten leider weggewischt.
Verlieren wir etwas, wenn diese Bilder immer perfekter werden?
Das künstlerische Hauptproblem besteht darin, nicht auf das Narrativ der KI-Unternehmen hereinzufallen. Dieses Narrativ heisst Optimierung. Alles wird automatisiert und glatt, und schliesslich werden damit auch die Menschen wegoptimiert. Kein Wunder, dass viele KI fürchten und hassen. Man kann diese Technologie aber auch anders nutzen, nicht zum Verlernen, sondern als Coach, der mir hilft, in meinen Fähigkeiten zu wachsen, zu Ergebnissen und einer Tiefe zu kommen, die ich sonst nicht erreichen würde. Diese Erzählung muss aus der kreativen Community kommen. Die KI wird darauf programmiert zu wissen, was uns gefällt. Sie gibt uns, was unsere Knöpfe drückt – nur noch ein bisschen besser –, analysiert unsere Reaktion, und das Nächste wirkt noch effektiver. So werden wir konditioniert. Kunst aber muss etwas sein, das ich nicht bestellt habe. Etwas, das mir quer im Hals steckt, das ich erst schlucken und verdauen muss. Darin liegt ihre Kraft, dadurch kann sie meinen Blick verändern. Diese Reibung kann nur von den Künstler:innen selbst kommen, aus dem Leben, der Persönlichkeit.
Oper ist vielleicht die analogste aller Kunstformen, ein Augenblick radikaler Gegenwart. In welchem Verhältnis steht die generierte Vergangenheit zu diesem Live-Moment? Könnten diese Videos in der Vorstellung auch live generiert werden?
Die Videos live zu generieren, wäre zu fehleranfällig. Man hängt am Internet, an der Auslastung der Plattformen, an der Tageszeit in China oder Amerika. Ich brauche normalerweise sechs bis sieben Durchläufe, bis ich mit einer KI-Videosequenz zufrieden bin. Das heisst, über 80 Prozent ist Ausschuss. Man gewinnt nichts dadurch, dass es live ist, sondern erlaubt dem Ausschuss zum Werk zu werden. In Bayreuth hat man das versucht, aber das war für mich kein Gesamtkunstwerk, sondern eine 16-stündige Überdosis an Live-Video und KI, konzeptuell gescheitert, ganz egal, wie bunt die Bilder waren.
Warum ist «Elektra» für dich ein Stück für heute?
Zunächst einmal: Für mich liegt Kunst immer irgendwo zwischen dem Schönen und dem Verstörenden. Lasse ich das Verstörende weg, bleibt nur noch der schöne Schein. Kunst bietet eine Möglichkeit der Projektion. Elektras Familie ist völlig dysfunktional, mit Beziehungsstörungen in alle Richtungen. Auch mit Elektras Rachegelüsten, die ja nicht unberechtigt sind, kann ich mich identifizieren. Die Frage ist, welches Ausmass das annimmt. Was passiert, wenn man so lange im eigenen Saft schmort? Was für ein Mensch wird man dann? Elektra ist vom Hass getrieben. Hass ist eines der grössten Probleme unserer Gesellschaft und wird befeuert von Plattformen, die Empörung mit Reichweite belohnen. Insofern ist Hass leider auch ein Geschäftsmodell geworden. Die «Elektra» ist für mich ein Stück über unsere Zeit.
Zum Schluss: Welche Bedeutung haben falsche Bilder für unser kollektives Gedächtnis? Werden wir uns künftig vermehrt an eine Vergangenheit erinnern, die so nie stattgefunden hat?
Das wird ein gesellschaftliches und psychologisches Problem, davon bin ich überzeugt. Ich kann mir jede Vergangenheit «zurechtfaken», mit vermeintlichem Dokumentationsmaterial, seien es Ton, Bild oder Video. Die meisten Menschen informieren sich über Social Media, und ein grosser Teil der Inhalte im Netz ist bereits KI-generiert. Die Kennzeichnungspflicht, die in der EU seit August 2026 gilt, sehe ich noch kaum umgesetzt. Alle versuchen, sich darum herumzumogeln. Meine Angst ist, dass uns die Faktengrundlage abhandenkommt. In einer Demokratie müssen wir offen sein für verschiedene Positionen und Interpretationen, aber wir brauchen eine gemeinsame Basis an Fakten. Ohne sie können wir nicht mehr miteinander streiten. Alles, was wir jetzt für die Inszenierung der «Elektra» machen, könnte ich genauso gut für Desinformation einsetzen: einem Politiker Worte in den Mund legen, seine Stimme und seine Körpersprache klonen. Das geht sehr überzeugend.
Das Gespräch führtem Kathrin Brunner und Roman Reeger
Boris Eldagsen studierte Fotografie und Philosophie und arbeitet an der Schnittstelle von Fotografie, Konzeptkunst und KI. International bekannt wurde er 2023 durch das KI generierte Bild «Pseudomnesia: The Electrician». Mit diesem Werk gewann er den Sony World Photography Award. Eldagsen lehnte den Preis jedoch ab, um zu zeigen, dass KI-Bilder nicht mit klassischer Fotografie gleichgesetzt werden sollten. Seine Aktion löste eine breite Diskussion über die Rolle von KI, Urheberschaft und die Zukunft der Fotografie aus. Wir danken Boris Eldagsen für das KI-generierte Bildmaterial für «Elektra».
Dieses Interview erschien im Magazin Nr. 7, Saison 2026/27