Im Gespräch mit der Dirigentin Ann-Katrin Stöcker
Ann-Katrin, du hast das neugegründete Kinderopernorchester von Anfang an begleitet und warst an der Programmplanung beteiligt. Ihr probt seit September 2025 – jetzt, Ende Mai 2026, ist das Ergebnis zum ersten Mal zu hören. Wie würdest du diesen Weg beschreiben?
Da das Orchester ganz neu gegründet wurde, hatten wir keinerlei Erfahrungswerte. Entsprechend haben wir das Programm zunächst «ins Blaue hinein» geplant. Wir haben uns überlegt, was die Kinder im Opernbereich interessieren könnte und was technisch im Alter von 7–14 umsetzbar ist, aber natürlich wussten wir nicht, welche Kinder sich bewerben und welche Fähigkeiten sie mitbringen werden. Wichtig war uns, Opernausschnitte zu wählen, die die Kinder auch auf der Bühne erleben können. Sie spielen also das gleiche Repertoire, das auch am Opernhaus erklingt. Die Side-by-Side-Proben – bei denen die Kinder gemeinsam mit dem Orchester musizieren – haben vor allem bei «Carmen» sehr viel Motivation gebracht. Vor der ersten Probe war ich ehrlich gesagt ziemlich nervös: Ich wusste nicht, was passiert, wenn ich den Taktstock hebe: Können die Kinder überhaupt nach Dirigat spielen? Die meisten hatten ja noch keine Orchestererfahrung. Man ist zunächst sehr mit dem eigenen Instrument beschäftigt, muss gleichzeitig lernen, auf andere zu hören, sich zu orientieren und die Dirigentin im Blick zu behalten. Doch schon nach wenigen Takten war klar, dass es funktioniert und die Kinder sehr intuitiv auf die Musik und auch mein Dirigat reagieren. Wenn sie die Musik im Ohr haben, ist das die halbe Miete. So konnten wir sofort in die musikalische Arbeit eintauchen. Wir haben mit «Carmen» begonnen, was sich als der leichtere Einstieg erwiesen hat. «Hänsel und Gretel» ist deutlich anspruchsvoller – viel solistischer, und wenn etwas fehlt, fällt es sofort auf. Trotzdem: Die Arbeit läuft sehr gut, die Kinder sind wahnsinnig fokussiert und machen grossartig mit.
Gehst du die Probenarbeit anders an als mit einem Berufsorchester?
Im Prinzip probe ich genauso wie mit Profis: Ich höre zu und arbeite mit dem, was die Kinder anbieten. Wie in jedem anderen Orchester auch geht es um Zusammenspiel, das Meistern technischer Herausforderungen und das Suchen eines gemeinsamen Klangs. Dennoch darf man nicht vergessen, dass es Kinder sind, die hier ihre Freizeit investieren. Es ist also wichtig, dass die Proben auch ein gutes Erlebnis sind. Ich arbeite sehr lösungsorientiert und positiv. Einzelne herauszunehmen, vermeide ich eher.
Funktioniert das Zusammenspiel trotz der Altersunterschiede gut?
Das ist unterschiedlich. In grösseren Gruppen wie den Streichern ist das etwas einfacher, weil es eine klare Orientierung gibt. Bei den Holzbläsern, die solistischer sind, ist das komplizierter. Aber es entwickelt sich eine sehr schöne Dynamik: Ältere Kinder übernehmen Verantwortung und helfen den jüngeren, etwa beim Zählen oder bei Einsätzen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt – das Orchester funktioniert auch als soziales Gefüge. Ich lasse ausserdem oft einfach Passagen wiederholen, ohne viel zu sagen. Dadurch sortieren sich viele Dinge von selbst.
Welche neuen Aspekte hast du in der Arbeit mit den Stücken entdeckt?
Die Klangvorstellung entwickelt sich mit den Kindern. Am Anfang sind sie stark mit der Technik beschäftigt: Wie spiele ich das überhaupt? Erst später entsteht der Blick für das Ganze. Wir hatten kürzlich einen Moment, in dem wir ein Stück nach mehreren Wochen Pause wieder gespielt haben – und es war ein riesiger Entwicklungssprung hörbar. Solche «Wow-Momente» sind unglaublich wichtig. Der Klang ist natürlich anders als bei einem Profiorchester: feiner, weniger kräftig. Viele spielen noch auf kleineren Instrumenten, und es fehlen auch einzelne Stimmen, etwa Tuba. Deshalb müssen wir sehr genau austarieren. Ich versuche, in jeder Probe solche besonderen Klangmomente zu schaffen, damit die Kinder ein Gefühl dafür entwickeln, worauf wir hinarbeiten.
Wie erlebst du die Motivation der Kinder?
Die ist enorm. Es gibt Tage mit mehreren Stunden Probe – und danach gehen die Kinder nach Hause und üben weiter. Das ist beeindruckend und ich glaube, diese Erfahrung, gemeinsam in einem Orchester zu sitzen und Klang zu erzeugen, ist unglaublich prägend. Viele erinnern sich später genau an ihr erstes solches Erlebnis. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit Profis ein grosser Motivationsfaktor. Wenn sie sehen: Wir spielen mit Musiker:innen und Sänger:innen aus dem Opernhaus – das wirkt sehr stark.
Ihr arbeitet mit Originalrepertoire. Ist das nicht sehr anspruchsvoll?
Definitiv – gleichzeitig ist der Anspruch, Originalrepertoire zu spielen, auch eine unglaubliche Motivation für alle Beteiligten. Dieser Anspruch und auch der Fokus auf die Opernliteratur mit konkretem praktischem Bezug zum Opernhaus unterscheidet uns von anderen Kinder- und Jugendorchestern. Man darf nicht vergessen, dass wir fast eine ganze Spielzeit an den Stücken arbeiten, dementsprechend braucht es Raum für Weiterentwicklung und Herausforderungen. Wichtig ist, die Balance zu finden: fordern, aber konstruktiv bleiben. Und ehrlich gesagt: Der Wille ist da. Die Kinder sind unglaublich konzentriert und bereit, alles zu geben. Ich muss gar nicht so viel einfordern – ich arbeite eher daran, dieses Potenzial zu lenken.
Wie geht es in der nächsten Spielzeit weiter?
Wir planen Ausschnitte aus Donizettis «L’elisir d’amore». Das ist musikalisch eine ganz andere Welt – Belcanto. Es wirkt auf den ersten Blick zunächst einfacher, verlangt aber viel Sensibilität im Zusammenspiel mit den Sänger:innen. Zusätzlich wird es einen zweiten Teil mit Tänzen geben – etwa von Dvořák, Brahms und Tschaikowski –, in dem der Fokus dann komplett auf dem Orchester liegt und jede Instrumentengruppe sich ausgiebig präsentieren kann. Das ist besonders für die Blechbläser, Harfen und Perkussion wichtig, die im normalen Opernrepertoire im Vergleich zu den anderen eher wenig zu tun haben.
Was ist deine langfristige Vision für das Orchester?
Ich wünsche mir, dass das Orchester über mehrere Jahre klanglich und sozial zusammenwachsen kann und wir eine Kontinuität schaffen, in der ältere Kinder die jüngeren anleiten. Idealerweise lernen alle Instrumentengruppen voneinander, und wir helfen den Kindern dabei, eine vielschichtige Musiker:innenpersönlichkeit zu entwickeln. Wir möchten sie früh ins gemeinsame Musizieren bringen – nicht nur alleine zu üben, sondern diese «Sprache Musik» direkt gemeinsam zu sprechen und vielleicht auch die Begeisterung für die Gattung Oper mit ihrem fantastischen Zusammenspiel von Orchester und Sänger:innen wecken. Und wenn man sieht, wie viel Energie und Begeisterung diese Kinder mitbringen, dann merkt man: Da entsteht wirklich etwas, auf das alle stolz sein können.
Dieser Artikel erschien im Magazin Nr. 5, Saison 2025/26